Reden
Anita Tack, Ministerin für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutzam 16.03.2012
Rede auf der Auftaktveranstaltung zum "Bündnis Gesund Älter werden in Brandenburg"
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sehr geehrte Kolleginnen Landtagsabgeordnete,
Frau Prof. Heppener, Margitta Mächtig, Birgit Wöllert und Ursula Nonnemacher,
Sehr geehrter Herr Herweck,
wir haben heute gemeinsam eine sehr schöne Aufgabe:
Heute möchte ich mit
Ihnen gemeinsam den Startschuss für das Bündnis Gesund Älter werden im Land
Brandenburg geben, den Startschuss für einen neuen Gesundheitszieleprozess des
Landes, mit dem wir uns dem Thema Alter und Gesundheit verstärkt zuwenden
wollen.
Das neue Bündnis wird Partner vereinen, die sich gemeinsam dafür einsetzen, die Bedingungen für ein gesundes Älterwerden im Land besser zu gestalten.
Der Wunsch nach einem langen Leben bei guter Gesundheit geht für viele
Brandenburgerinnen und Brandenburger immer mehr in Erfüllung. So ist die
Lebenserwartung der Brandenburger Bevölkerung in den vergangenen Jahren
deutlich gestiegen.
Frauen können im Durchschnitt mit 82 Jahren rechnen,
Männer mit 76 Jahren.
Damit aus dieser gewonnenen mehr Lebenszeit möglichst viele gesunde und aktive Lebensjahre werden, müssen die Voraussetzungen und Bedingungen stimmen. Dafür will sich unser breites gesellschaftliches Bündnis - das wir heute offiziell gründen - mit gemeinsamen Aktivitäten engagieren.
Anrede,
dem heutigen Tag ging eine intensive zweijährige Vorbereitung voraus.
Dank
an alle, die sich daran beteiligt haben!
Zur Erinnerung: In Workshops und in
einer Fachtagung wurde die Thematik breit diskutiert und viele Akteure - auch
hier im Saal - haben sich eingebracht und zu folgendem verständigt:
- das Bündnis als einen Gesundheitszieleprozess zu führen - in Anlehnung an positive Erfahrungen des "Bündnisses Gesund Aufwachsen"
- bei den zentralen Themen gab es Einigkeit darüber, dass Prävention und Gesundheitsförderung besondere Chancen bieten werden.
- Die Fachtagung gab mit auf den Weg, dass es darum gehe, altersbedingte Erkrankungen möglichst weit hinauszuschieben und dazu beizutragen, dass auch im Krankheits- und Pflegefall die individuelle Autonomie erhalten bleibe und die Lebensqualität möglichst groß sei. Und Frau Prof. Heppener vom Seniorenrat des Landes hatte herausgestellt, dass es bereits viele positive Ansätze gibt, die in Brandenburg dazu beitragen, ein gesundes Älterwerden zu unterstützen. Hier sollten wir anknüpfen. Gesundheit ist kein isoliertes Thema.
- Und vor allem: Alter darf nicht nur auf Defizite reduziert werden sondern auch die Chancen und das Potential Älterer muss in den Fokus gestellt werden.
- Gemeinsam mit älteren Menschen sollen die Kompetenzen und die Möglichkeiten Älterer für eine selbstbestimmte Lebensführung in ihrer selbst gewählten Umgebung aufgezeigt und gestärkt werden.
- Ein wichtiges Ergebnis der Vorbereitungsphase ist die gemeinsame
Erklärung der Partner des Bündnisses.
Hier ist deutlich festgehalten, welches Verständnis von Alter und Gesundheit die Bündnispartner gemeinsam haben.
Die Erklärung liegt Ihnen vor. Mit der Zustimmung zur Erklärung wird die Mitgliedschaft im Bündnis begründet.
Das Bündnis "Gesund Älter werden" folgt den seniorenpolitischen Leitlinien der Landesregierung für ein aktives Altern und ist selbst Teil des seniorenpolitischen Maßnahmenpakets im Land Brandenburg.
In diesen Leitlinien heißt es unter anderem:
Die Landesregierung stärkt die
gesundheitliche Prävention bei älteren Menschen und setzt sich zum Ziel, auch
in dünn besiedelten Räumen eine angemessene medizinische Versorgung zu
gewährleisten. Sie unterstützt die mit einem produktiven Alter verbundenen
Aktivitäten, die zu Wohlbefinden und psychischer Gesundheit beitragen.
Anrede,
ich will einige Zahlen zur Bevölkerungs- und Altersentwicklung nennen.
2008
lebten in Brandenburg etwa 110 Tausend Männer und Frauen, die älter als 80
Jahre waren, also Hochaltrige, Hochbetagte. Im Jahr 2020 werden es 220 Tausend
sein. Das heißt, wir rechnen mit einer Verdoppelung der alten Mitbürgerinnen
und Mitbürger innerhalb von gut 10 Jahren. Und:
- 2020 wird jeder vierte Brandenburger zu den Senioren gerechnet, also über 65 Jahre alt sein.
- Und wir werden weniger Menschen in Brandenburg (zirka -300Tausend Einwohner)
Mit dieser Bevölkerungsentwicklung stehen wir vor großen Herausforderungen
an die künftige gesellschaftliche Entwicklung.
Strukturen, vor allem der
technischen und sozialen Infrastruktur, müssen angepasst werden, damit sie
einer zuverlässigen und optimalen Versorgung mit öffentlichen Leistungen der
Daseinsvorsorge gerecht werden können.
Und alles muss zuallererst durch die Köpfe, wollen wir verändern!
An dieser Stelle will ich kurz auf Altersbilder zu sprechen kommen: den
Vorstellungen vom Alter und vom Altern - bei den Bürgern, bei Experten und bei
Politikern.
Bei der Darstellung der Bevölkerungsentwicklung werden wie
selbstverständlich Wörter benutzt wie Alterslast, Überalterung und
Alterspyramide. Das sind wertende Begriffe, die vermitteln, dass es ein Problem
ist, dass so viele Menschen die Chance haben, alt zu werden.
Wir wollen doch, dass alle Menschen die Chance haben, alt zu werden. Und gesund alt zu werden, bei guter Lebensqualität und selbstbestimmt.
Ich bitte Sie sehr herzlich, in Ihrer Arbeit für das Bündnis immer wieder wachsam zu sein, um Altersbilder zu hinterfragen. Altersdiskriminierung muss aus der Sprache und aus den Köpfen! Zum Thema Altersbilder gehört auch die Gleichsetzung von Alter und Defizit oder Mangel. Das heißt, hier werden Mängel betont, beispielsweise der Verlust sozialer Einbindung oder die Einschränkung der körperlichen und geistigen Fähigkeiten. In unserer Bündnis-Erklärung setzen wir dieser Sicht, die Defizite betont, ein ressourcenorientiertes Verständnis entgegen. Gemeinsam mit älteren Menschen sollen die Kompetenzen und die Möglichkeiten Älterer für eine selbstbestimmte Lebensführung in ihrer selbst gewählten Umgebung aufgezeigt und gestärkt werden. Alter und Defizite werden oft zusammen gedacht. Daran sind auch Gesundheitsexperten mit Schuld. Die oft zitierte Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation spricht von Gesundheit als dem vollständigen körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Wohlbefinden. Das ist nicht realistisch. Auch junge Menschen wären nach dieser Definition selten gesund. Für alte Menschen gilt dies erst Recht. Realistisch ist, dass Krankheiten zum Leben gehören. Für die einen früher, für die anderen später und in unterschiedlichem Ausmaß. Selbst bei günstigsten Bedingungen sind Krankheiten ein Teil des Lebens.
Frau Professor Kuhlmey hat hierzu in unserer Fachtagung im letzten Jahr gesagt: "Älter werden verbindet sich einerseits mit einem Zugewinn an gesunden Lebensjahren, ist aber auch mit gesundheitlichen Herausforderungen und Krankheitsentwicklungen verbunden. Ein "Bündnis Gesund Älter werden in Brandenburg" muss die Frage stellen: Was ist überhaupt Gesundheit im hohen Alter? Gesundheit im Alter kann nicht Abwesenheit jeglicher Erkrankung oder Funktionseinschränkung sein, sondern zeigt sich in der Selbständigkeit und Lebensqualität jedes einzelnen alten Menschen"
Noch eine Anmerkung zur Verantwortung des Gesundheitswesens. Für die medizinische Versorgung sind in unserem selbstverwalteten Gesundheitswesen zuallererst Krankenkassen, KV und Krankenhäuser zuständig. Mit der Gründung des Bündnisses wird kein Akteur aus der Verantwortung entlassen. Zu den Problemen der ambulanten ärztlichen Versorgung auf dem Land werden wir weiterhin mit den genannten Akteuren nach Wegen suchen, die gesundheitliche Versorgung im Land immer wieder an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen. Agnes II, Telemedizin oder der Patientenbus sind hier zum Beispiel zu nennen. KV, Krankenkassen und Krankenhäuser werden durch das Bündnis nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Vor einem Jahr, am 20. Januar 2011 haben wir mit den genannten Akteuren des Gesundheitswesens das "Konzept zur künftigen Sicherstellung der medizinischen Versorgung im Land Brandenburg" verabschiedet. Das enthält die entsprechende Handlungsfelder und vielfältige Maßnahmen. Auf der Internetseite unseres Ministeriums sind die Informationen eingestellt.
Was soll im Bündnis passieren, welche Aufgaben stehen an?
- Die Akteure, beispielsweise Ärztekammer, Krankenkassen, Seniorenräte, bewerten anhand von Fakten und Basisdaten die Situation
- Sie legen Prioritäten fest: in welchen Handlungsfeldern werden besonders drängende Probleme gesehen?
- Dann werden gemeinsam und im Konsens Gesundheitsziele formuliert sowie Empfehlungen und Maßnahmen.
- Die selbst gesetzten Ziele werden regelmäßig überprüft
Ich sagte bereits, dass wir mit dem "Bündnis Gesund Älter werden" von dem bereits erfolgreich agierenden "Bündnis Gesund Aufwachsen im Land Brandenburg" profitieren konnten und können. So lehnen wir uns zum Beispiel in Aufbau und Arbeitsweise an dieses Bündnis an.
Herr Barta wird uns dann noch näher darüber informieren.
In den vergangenen Monaten zeichnete sich ab, dass wir zunächst drei
Arbeitsgruppen im Bündnis einrichten sollten:
1. zu Alter, Bewegung und Gesundheit
2. zu Mund- und Zahngesundheit im Alter - wir brauchen mehr Biss! und
3. zu Beispielen guter Praxis für ein gesundes Älter werden
Hinzu kommt ein weiteres Thema, das wir mit der Arbeit in unserem neuen Bündnis zusammenführen können: Der Landesarbeitskreis Arbeit und Gesundheit des MASF beschäftigt sich unter anderem mit älteren Beschäftigten und Gesundheit. Die weitere Bearbeitung dieses Themas, so hat der Arbeitskreis zugesagt, soll in Zusammenarbeit mit unserem Bündnis geschehen.
Eine weitere Querverbindung besteht zu "Safe Region - Sicheres Land Brandenburg", unserer Initiative zur Verletzungsprävention und zur Steuerungsgruppe Soziale und Gesunde Stadt, die von der Abteilung Gesundheit moderiert wird.
Mit den eben genannten drei neuen Arbeitsgruppen und den Querverbindungen zu bereits bestehenden Gruppen und Initiativen kann unser Bündnis starten.
Und die Veranstaltung heute wird noch Raum und Zeit geben, über weitere Themen zu sprechen.
Etwa alle zwei Jahre sollen alle Beteiligten im Plenum zusammen kommen.
Eine Steuerungsgruppe sorgt zwischen den Plenumsveranstaltungen für Kontinuität. Das MUGV unterstützt mit Geschäftstellenfunktionen, lädt zu Sitzungen ein etc.
Das MUGV stellt dafür eine geeignete Plattform zur Verfügung. Die Fachstelle Gesundheitsziele bei "Gesundheit Berlin-Brandenburg" unterstützt das MUGV bei der organisatorischen und inhaltlichen Arbeit in den Arbeitsgruppen des Bündnisses.
Das Bündnis Gesund Älter werden - ist ein Gesundheitszieleprozess - Herr Barta wird dazu noch ausführlich sprechen.
Von mir nur so viel:
Ein Gesundheitszieleprozess ist ein Gemeinschaftsunternehmen, in dem einerseits
die wichtigen Akteure für die Gesundheit älterer Menschen zusammenarbeiten und
andererseits mit den älteren Menschen gemeinsam gearbeitet wird. Nur mit
Mitwirkung der älteren Menschen, mit Teilhabe kann dieses
Gemeinschaftsunternehmen gut gelingen.
Mitwirkung oder Partizipation gehören unmittelbar zur Gesundheit. In verschiedenen gesundheitswissenschaftlichen Zweigen, in Medizin, Soziologie und Psychologie, kommt man übereinstimmend zu der Erkenntnis, dass Menschen eher dann gesund bleiben, wenn sie mitbestimmen und mitwirken können.
Das "Bündnis Gesund Älter werden" wird eine Einrichtung auf der Landesebene sein. Die Wirkung muss sich allerdings auf der Ebene der Gemeinden und Landkreise entfalten. Das heißt, wir können Anregungen aufnehmen und Impulse weitergeben. Fruchtbar wird unser Bündnis sein, wenn Initiativen auf der kommunalen Ebene gestärkt werden.
Es gilt noch immer, was die Weltgesundheitsorganisation vor inzwischen fast
30 Jahren in der Ottawa Charta gesagt hat:
Gesundheit wird von den Menschen in ihrer alltäglichen Lebenswelt geschaffen.
Das Bündnis will hier unterstützen.
Ich freue mich, dass wir das Bündnis Gesund älter werden heute gemeinsam mit den Akteuren, mit Ihnen, gründen können und ich bin zuversichtlich, dass unser Bündnis an Mitgliedern und an Ideen noch zulegen wird.
Dank an alle, die bisher sich engagiert hatten - insbesondere an die Fachstelle für Gesundheitsziele. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
(es gilt das gesprochene Wort)
05.04.2012


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